Gesellschaft | 15.02.2010, dw-world.de
Fatal Banal
Schweinegrippe, die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika und der Zusammenbruch des Kölner Stadtarchivs. Die Kabarettisten von "Fatal Banal" lassen kein Thema aus, das die Welt im letzten Jahr bewegt hat.
Männer und Frauen in weißen Schutzanzügen stehen auf der Bühne, stöbern in Papierhaufen und sortieren Akten. Die Szenerie ist klar: Es geht um das Kölner Stadtarchiv, dessen Einsturz sich im nächsten Monat zum ersten Mal jährt. Aber was wäre, wenn es den Kölnern am Ende fast recht gewesen wäre, dass die Dokumente ein wenig durcheinander gekommen sind?
Auf diese Weise wäre es vielleicht möglich, auch die dunklen Flecken in der Kölner Geschichte nachträglich zu erhellen. "Jetzt können wir endlich Dokumente korrigieren", bringen es die Schauspieler von "Fatal Banal" auf den Punkt.
Frechheit siegt
In Köln gibt seit vielen Jahren eine kreative alternative Karnevalsszene. Zu den Klassikern gehört die traditionelle Stunksitzung, einst als Kontrast zur Prunksitzung aufgelegt, der Geisterzug am Karnevalssamstag, aber auch kleinere kabarettistisch geprägte Shows wie "Fatal Banal". Und hier darf eben noch über fast alles gelacht werden. Etwa über den Waschzwang einer Frau, die aus Angst sich mit Schweinegrippe anzustecken, nicht mehr aus dem Haus geht und völlig vereinsamt. Aber auch über die neue Regierung, die schon zu Beginn ihrer Amtszeit drei Kabinettsposten neu besetzen musste, "was dazu führte, dass die 32-jährige Christina Köhler Familienministerin wurde." Da kann man nur allen jungen Leuten raten, ruft der "Fatal Banal"-Präsident, Christoph Stubbe mit überschnappender Stimme: "Schnell rein in die CDU, da habt Ihr in den nächsten Jahren die besten Karrierechancen."

Nicht jedes Wort verstehen

Die Kölner mit ihrem Dialekt und ihren Gebräuchen, werden natürlich auch immer gern aufs Korn genommen. Eine durchaus feierlustige Hessin kann nicht verstehen, warum man in Köln am ersten Tag des Straßenkarnevals, an Weiberfastnacht also, schon um acht Uhr morgens in die Kneipe geht: "Man komme sonst nicht mehr rein", lautet die einfache Erklärung ihrer Kölner Freundin. Auch was man sonst so treibt im Karneval ist für Zugereiste nicht so leicht zu verstehen... Auch an der Jugendsprache mit neuen Ausdrücken wie "Opfer", "Vollhorst" und "Vollpfosten", was jeweils eine andere Bezeichnung für "Schwächling" ist, arbeiten sich die Kabarettisten von "Fatal Banal" einen Sketch lang ab.

Autorin: Katja Lückert


Arm dran? Oder Arm ab?
Erstellt 25.01.10, 18:31h, aktualisiert 25.01.10, 18:34h
Im Bürgerzentrum Ehrenfeld steigt die vielleicht frechste und publikumsreichste Reihe im alternativen Fastelovend: Fatal Banal. Neben Stefan Ostermann und Meinolf Schubert brilliert Susanne Hermanns als Hypochonderin mit Waschzwang.
Mit Sabine Putzler strahlt ein neuer Stern am Solohimmel von Fatal Banal im Bürgerzentrum Ehrenfeld. Bei den Jecken, die nach der Stunksitzung die frechste und publikumsreichste Reihe im alternativen Fastelovend veranstalten, brilliert sie als Hessin („Unser David Bowie heißt Heinz Schenk."), die im Nachthemd, das für ein Sterntaler-Kostüm gehalten wird, im Kneipenkarneval landet. Sie bekommt Kölsch zum Frühstück und sinniert wunderbar über die dort gelebten fremden Sitten („Schlaft Ihr eigentlich auch irgendwann mal?") vor allem beim Singen („Eieiei, willst Du eine Handkäs?") und lernt: „Sitzen wird ja völlig überschätzt."
Im 19. Jahr führen aktuell neun Akteure unter der Regie von Joseph Vicaire das „Ultimate Fighting" für Karnevalisten ein. Im Körper von „Präsi" Christoph Stubbe spricht Guido Westerwelle („I am the outdoor-minister") Englisch. Selbst der Archiveinsturz kommt gelegen, weil mit der Restaurierung sogar Buh-Rufe während Hitlers Köln-Rede eingebaut werden können. Und die KG Blau-Gold Roggendorf-Thenhoven nutzt einen Tornado, für den sie sogar ihr Publikum opfern will, dazu, endlich in den Medien beachtet zu werden. Das geht doch auch anders. Mit Martina Gassmann hat die neu formierte „Fatal Banal-Band" ihre dritte Frontfrau namens Martina - und eine tolle dazu. Sie singt statt „Roxanne" eine witzig-böse „Patienten"-Version und aus dem Silbermond-Hit „Das Beste" wird die Hass-Tirade „Du bist das letzte, was mir je passiert ist". Und Susanne Hermanns als Hypochonderin mit Waschzwang belegt, dass krankhafte Sauberkeit aus Angst vor Schweinegrippe sehr einsam macht. Und über allem droht die Wirtschaftskrise, weshalb Urlaub nur noch als Imaginationsreise im heimischen Wohnzimmer drin ist - Eta-Bombe inklusive. Da müssen notfalls Eizellen und Körperteile verkauft werden. Nach dem Motto: „Eine Hand wäscht die andere - wenn man noch eine hat".
Bestens unterhalten auch ein Luftgitarrensolo („Es war Liebe auf den ersten Griff") des großartigen Stefan Ostermann und Meinolf Schubert als türkischer Taxifahrer, der von seinem „Haus am See" träumt. Und im Finale singen alle in memoriam an Michael Jacksons „Bad": „Who's jeck?" Dieses Ensemble ist es eindeutig.

Stefan Ostermann als Luftgitarren-Gott
(Bild: Worring)
Bildzeitung, 25.01.2010
Bildergalerie Kölner Stadtanzeiger, 25.01.2010
Fatal Banal - Sitzung, Féte und mehr! Die alternative Sitzung feierte am Samstag Premiere im Bürgerzentrum Köln Ehrenfeld. (Bild: Worring)
Ein Mann braucht etwas, worauf er sich verlassen kann: Stefan Ostermann verwandelt sich vom biederen und schüchternden ACDC-Fan...(Bild: Worring)

... zum Luftgitarren-Gott ("Es war liebe auf den ersten Griff"), der sich auf dem "Highway to hell" vergisst. (Bild: Worring)
In einem Sketch zum Archiv-Einsturz wird die Stadtgeschichte neu geschrieben - und der FC gewinnt sogar die Championsleague, was die Restaurantoren jubeln lässt. (Bild: Worring)
Ultimate-Fighting-Cologne: Alles ist erlaubt beim Zweikampf "Jupp Cologne" (l.) und "Jupp Düsseldorf" bei der Entscheidung um die Herrschaft im Rheinland - auch Stippeföttche. (Bild: Worring)
Beim Kampf in der "Lanxess-Arena" kamen auch Riesen-Kamellen, die unter den Stühlen deponiert waren, und Boxenluder als Waffen zum Einsatz. (Bild: Worring)
Sabine Putzler brillierte außer als Hessin auch als unglücklich Verliebte, die im Straßenkarneval einen "Zigeunerjungen" (oben links: Meinolf Schubert) anschmachtet, was sie im gleichnamigen Lied besingt. (Bild: Worring)

In Erwartung der Katastrophe: Mit Hilfe eines Tornados mit möglichst vielen Todesopfern, will es die Karnevalsgesellschaft "Roggendorf-Thenhoven" endlich auf die Titelblätter der Tageszeitungen schaffen. (Bild: Worring)
Kölnische Rundschau, 26.01.2010
Köln Nachrichten, (koeln.nachrichten.de) 02.02.2010

„Fatal banal" serviert zu Karneval Handkäs statt Pizza
(js) Wenn Stefan Ostermann sich als AC/DC-Hardrocker verkleidet, im engen Kostüm über die Bühne fetzt, stolz seinen Kugelbauch zeigt (natürlich im Profil) und seine „Liebe", die Luftgitarre, streichelt - dann ist im Saal die Hölle los und alle singen lautstark mit „Highway to Hell". Die Nummer ist ein Höhepunkt in der diesjährigen „Fatal banal"-Sitzung. Auch als Sabine Putzler kölsche Karnevalsrituale aus hessisch-frankfurter Sicht unter die Lupe nimmt, lässt sich die Sangeslust nicht bremsen: „Eijeijei, bring mir einen Handkäs" lässt sich mindestens so gut singen wie „Pizza wundaba". Da kann auch ihre Frage „Heißt alternativer Karneval Witzigkeit in homöopathischen Dosen?" nicht die Stimmung verderben. Die Stimmung ist gut bis überbordend im Bürgerzentrum Ehrenfeld - und das über drei Stunden hinweg.
Im 19. Jahr schon laden die drei Frauen und fünf Karnevalisten zu ihrer Sitzung ein. Nicht dabei ist diesmal die Hausband „Die Trauzeugen". Da gab es einen großen Personalwechsel, mit der Frontfrau ging auch der Name, zwei haben „überlebt", doch das neue Sextett braucht sich nicht zu verstecken. Ebenso wenig das breit gesteckte Themenspektrum: Dumpfbackige deutsche Fussballfans in Südafrika, Jugendsprache, Organ- und Samenverkauf für den privaten wirtschaftlichen Aufschwung, eine verquere Liebesbeziehung zur Karnevals-Trumm, Vereinsamung durch Schweinegrippe, Sehnsucht nach der DDR.
Oder „Ultimate Fighting" auf kölsche Art mit Strüßjer, Kamelle und Stippeföttchen - und mit einem unerwarteten Ende. Nicht zu vergessen „Präsi" Christoph Stubbe, der mit aktuellen Widerhaken durch das Programm führt. Als running Gag viel zu früh durch eine Eta-Bombe beendet wird der „kreative Imaginationsurlaub", mit dem die Ehefrau ihren Mann überrascht: Er findet zu Hause statt, mit selbstgemachten Flugkarten, Stühle werden Flugzeugsitzen, das aufblasbare Planschbecken zum Strand von Mallorca. Eine Fülle witziger Einfälle - aber schon nach drei Auftritten ist Schluss.
Der Vergleich mit der „Stunksitzung", dem Vorbild der Fatalisten, liegt nahe, ist aber ungerecht. Bei Aufwand und Perfektion, mit dem die Profis im E-Werk auftreten, können die Semiprofis nicht mithalten. Wohl dagegen mit Witz, Gefühl und Charme, wenn auch manche Sketche eher ausgeblendet werden als mit einer Pointe zu enden. Im Detail aber sind sie oft bissiger. Etwa bei der satirischen Aufarbeitung des Archiv-Einsturzes. Die Sketch-Idee ist bei beiden Sitzungen gleich: Die Restauratoren nutzten die Gelegenheit, die Dokumente so zusammenzusetzen, dass Kölns Stadtgeschichte ohne dunkle Flecken neu geschrieben werden kann. Während die Stunker hier vor allem durch ein poetisches, aufwändiges Mal-Spektakel glänzen, setzt „Fatal banal" allein auf die textlichen Ideen zur Geschichtsklitterung und geht erheblich offensiver und schräger mit kölscher Selbstgefälligkeit um. Nicht zu unterschätzen ist auch die familiäre Atmosphäre - der Saal für rund 250 Zuschauer im Bürgerzentrum ist nun einmal etwas anderes als das über viermal so große E-Werk. Wir freuen uns auf den 20. Geburtstag im nächsten Jahr!