"Fatal banal" - so mitreißend wie noch nie
„Fatal banal 2012" - in dieser Session liefern die alternativen Karnevalisten aus Ehrenfeld wohl die beste Sitzung ihrer nun 21- jährigen Geschichte ab. Schwungvoll mit der neuen „Six Jeck"- Band, acht eingespielte Akteure auf der Bühne, ein wieder bestens aufgelegter „Präsi" mit tagesaktuellen Kommentaren. Die Hommage an Loriot - die beste, weil intelligenteste auf Kölns Karnevalsbühnen. Überfällig für eine TV-Comedy-Show Sabine Putzler.
Etwas frustriert stehen die Karnevalisten zu Beginn auf der Bühne. Was ist aus den alten Idealisten geworden? Gegen was kann man eigentlich noch demonstrieren? Atomausstieg ist erreicht, sogar die CDU diskutiert den Mindestlohn, die Polizei ist auch nicht mehr das Feindbild, das sie einmal war. Was hat man erreicht? Freilaufende Hühner!
Doch dann legt „Fatal banal" los, zeigt, dass es noch vieles gibt, was man genüsslich mit Witz und ohne allzu großen technischen Bühnenaufwand auseinander nehmen kann. Da treffen sich der FDP- Landesvorsitzende, die Landesbischöfin, der faire Fußballer und der TV- Meteorologe in der Selbsthilfegruppe der „Anonymen Anonymen" und suchen Wege, endlich auch einmal so in die Schlagzeilen zu kommen wie andere Vertreter ihres Berufsstandes.
In einem düsteren Lied wird der „Schläger vom Hauptbahnhof" und die nichtstuenden Passanten besungen. Und Chantalls Mutter versucht - wie in der TV-Doku-Soap - beim „Frauentausch", sich in einer Öko-Familie zurecht zu finden. Das kann nur schief gehen. Genau wie der erste persönliche Treff der beiden Alleinerziehenden bei der Partnersuche per Internet: Dass sie von ihrer kleinen Tochter, er von seinem pflegebedürftigen Vater redet, klärt sich natürlich erst am Schluss.
Loriots Sketch „Feierabend" wird geradezu kongenial in die Jetztzeit übertragen - wobei die Ehefrau diesmal keine Schwierigkeiten hat, das Nichtstun ihres Mannes zu verstehen, sondern dessen Chatten mit unbekannten Freunden am Computer. Meinolf Schubert liefert eine klassische Slapstick-Nummer über die Funktion des Humors, die Parade-Hessin Putzler erweist sich als hervorragende Stand-up-Comedian, wenn sie von telefonierenden Müttern, Familienklatsch und in Beige gekleideten Langeweilern erzählt. Da sitzt jede Pointe.
Wie auch bei der traditionellen Karnevalsgesellschaft aus Roggendorf- Thenhoven. Dass der Verein vergeblich auf den Besuch aus Afrika warten, ist klar, denn „der Afrikaner an sich ist unpünktlich, weil seine Flüchtlingsboote immer wieder absaufen". Da bleibt das Lachen im Halse stecken, und ob man Karneval feiern darf, während Bomben in Afghanistan fallen, wird man ja wohl mal fragen dürfen. Auch und erst recht im Karneval.
„Fatal banal" im Bürgerzentrum Ehrenfeld: Das ist immer wie eine Familienfeier, zu der die Karnevalisten ihre Fans einladen. Die wollen unterhalten und beschäftigt werden - nicht nur mit Schunkeln. Als „interaktives" Gesellschaftsspiel hat man sich diesmal das Schwenken mit bunten Servietten ausgedacht. Die jeweiligen Farben müssen passend zu den Nationalfarben der Länder gezeigt werden, deren Hymnen gerade gesungen werden. Die beruhen natürlich alle auf kölschem Liedgut. Singen Sie mal „Drink doch ene mit" zur russischen Nationalhymne! „Fatal banal" kann es meisterlich. (js)
koeln.de, 30.01.2012
„Fatal banal" at its best

30.01.2012 18:00 von:(red)
Schnarcher-Terror, feindbildlose Demonstranten, lästige Mütter, Zwangskarneval, Partnersuche im Internet, Möchtegern-Stars, die sich in der Selbsthilfegruppe der „Anonymen Anonymen" treffen - die Themen der diesjährigen „Fatal banal"-Sitzung sind breit gestreut. Und was die acht Bühnen-Akteure daraus machen, ist die beste Karnevals-Revue, die man von ihnen bislang im Bürgerzentrum Ehrenfeld gesehen und gehört hat. Für letzteren Sinnengenuss ist die neue Hausband „Six Jeck" um die „alte" Saxophonisten Higgi Damen und mit Sängerin Sophie Mende wesentlich verantwortlich.
Reif für einen TV-Auftritt wäre etwa Sabine Putzler als Comedian. Wie sie sich über lästige Anrufe von Müttern, über sich witzig vorkommende Langeweiler und Familientratsch auslässt - das ist allererste Sahne. Auch Meinolf Schubert läuft zu Höchstform auf, wenn er als als leicht trotteliger Slapstick-Professor die Funktion von Humor erklärt. Dann die Adaption von Loriots Sketch „Feierabend", in dem sich die Ehefrau ganz zeitgemäß über ihren am Computer chattenden Ehemann wundert. Viele Karnevalisten erinnerten in diesem Jahr an den im Vorjahr verstorbenen Satiriker - das aber ist die intelligenteste Hommage.
Doch weder die anderen anderen Nummern noch die anderen Karnevalisten fallen gegen diese Höhepunkt ab. Neuling Johannes Baldur ist eine Bereicherung. Allen voran natürlich wieder „Präsi" Christoph Stubbe, gewohnt souverän mit aktuellen Spitzen und im Umgang mit dem Publikum. Gut allerdings, dass er auf den Spuren von Rio Reiser wohl kaum „Präsi von Deutschland" wird. Denn dann würde er „Entschuldigungen im 24-Stunden-Takt" einführen. Dem Publikum erspart wird hoffentlich auch, was ihm widerfährt, als seine Frau die Wohnung im Stil der TV-Serie „Wohnen nach Wunsch" a la Karneval einrichten lässt - Lover inklusive.
Überhaupt, Fernsehen und die moderne Kommunikation. Da gibt es noch Chantalls Mutter, die sich diesmal in die Doku-Soap „Frauentausch" verirrt hat und bei einer Öko-Familie gelandet hat. Oder die beiden „Alleinerziehenden", die sich auf der Suche nach neuer Zweisamkeit im Internet verabredet haben und nun aneinander vorbeireden: Sie erzählt von ihrem Töchterchen, er von seinem Vater, der im Rollstuhl sitzt. Das aber klärt sich erst zum Schluss auf.
Darf man Karneval feiern, wenn Bomben in Afghanistan fallen. Ja!
Auch hart und bissig ist „Fatal banal" - bisweilen bleibt das Lachen im Hals stecken. Etwa wenn trotz „Bomben in Afghanistan" zum Karnevalfeiern aufgerufen wird. Wenn der „Schläger vom Hauptbahnhof" und sein untätiges Publikum besungen wird. Oder wenn die Karnevalsgesellschaft aus Roggendorf Thenhoven vergeblich auf ihre afrikanischen Gäste wartet. Aber, so weiß einer, „der Afrikaner an sich ist unpünktlich, weil seine Flüchtlingsboote immer wieder absaufen". Auch so kann und muss man im Karneval Kritik üben. Nebenbei lernen wir noch, dass man Mohrrübe sagen darf, Mohrenkopf allerdings politisch nicht korrekt ist.
Running Gag sind diesmal die Ergebnisse musikalischer Forschungsarbeit: Die Nationalhymnen dieser Welt haben in Wirklichkeit kölsche Texte. Da freut sich das kölsche Hätz, wenn es zur Melodie der Marseillaise „Ich bin ene Räuber" hört und zur alten DDR-Becher-Hymne „In unserem Veedel". Dazu darf das Publikum Servietten in den Farben der jeweiligen Nationalflagge schwenken. „Fatal banal" ist eben nicht nur eine alternative Karnevalssitzung. Es ist auch eine kleine Familienfeier. Da darf gesungen, geschunkelt und eben auch mitgespielt werden.

koelner-nachrichten.de, 30.01.2012